Längst verschollen

Auf Spurensuche in der Vergangenheit: Berufsbilder

Längst verschollen ...

Bis zum Beginn des vergangenen Jahrhunderts wachten sie nachts im grauen Pellerinenmantel, mit Laterne, Horn und Hellebarde ausgestattet, auf den Straßen und Gassen unserer Städte. Heute haben Polizei und Sicherheitsdienste diesen alten Beruf übernommen. Die Notwendigkeit aber, nachts zu wachen, wird immer bleiben, weil Menschen ein Gefühl für Sicherheit brauchen.

 

"Die Wächter auf den Zinnen", sind schon in der Bibel erwähnt. In Deutschland werden erstmalig im 13. Jahrhundert Männer genannt, die als Wächter die Aufgabe hatten, auf Feuer und Gefahren zu achten. Ihr Dienst vollzog sich von Abenddämmerung bis zur Morgendämmerung. Sie ermahnten die Bürger, ja vorsichtig mit den Feuerstellen und dem offenen Licht umzugehen. Ihr Ruf war: "Wahrt das Feuer und das Licht!" Durch die damalige Holzbauweise konnten unbeaufsichtigte, offene Feuerstellen und Öllampen in den Häusern zu verheerenden Bränden führen. Ganze Stadtteile und Städte fielen so Bränden zum Opfer.


Darüber hinaus hatten Nachtwächter nicht nur auf die Einhaltung der Sperrstunde zu achten, sondern auch auf Diebe, Unholde und Fremde in der Stadt. Stadttore und Gasthäuser wurden beobachtet, Lärmen und Zusammenrottungen mussten untersagt werden. Weiterhin hatten sie stündlich ins Horn zu blasen und die Uhrzeit mit entsprechenden Stundenrufen zu verkünden, als Beweis, dass der Nachtwächter während seiner Dienstzeit nicht eingeschlafen war und somit den Bürgern das Gefühl der Sicherheit gab.

 

Die Nachtwächter auf den Straßen wurden ergänzt durch Wächter, die von hoch oben aus über die Stadt schauten und aufpassten. Vom höchsten Turm aus bliesen die Türmer bei auffälligen Situationen Alarm, immer in die Richtung, aus welcher Gefahr drohte und läuteten die Feuerglocke. Sie hatten alle halbe Stunde ins Horn zu blasen. Von ihrem hohen Platz aus konnten sie schnell drohende Gefahren erkennen und Alarm geben.

 

Türmer und Nachtwächter waren ausgesprochene Männerberufe, und beide waren sie im sozialen Gefüge nicht besonders anerkannt von ihren Mitbürgern.

 

Viele Vorurteile lagen auf diesen Berufsbildern: Türmer und Wächter waren nur schwer einzuordnen, sie, die ihr Leben in der Dunkelheit zubrachten und den Tag mieden. Interessant zu bemerken ist, dass in der kulturellen Entwicklung dieses Berufes die Nachtwächter anfangs Morgenlieder sangen, um den Beginn des neuen Tages zu begrüßen. Morgenlieder mahnten die heimlich Liebenden schnellstens den eigenen häuslichen Ort aufzusuchen - ein bevorzugtes "Leitmotiv" der Minnesänger. Später kam das Singen der Nachtrufe auf.

 

Gelegentlich zeigten die Nachtwächter Mut. Sie sangen selbstverfasste Verse über ihre missliche Lebenssituation und geizten auch nicht mit sozialer Kritik über Stadt und Land. Bei diesem Vorgehen brauchten sie für gewöhnlich nicht mit Bestrafung zu rechnen.

 

Der Nachtwächterberuf wurde langsam und mehr und mehr von Gemeindedienern übernommen: Die Pfeife ersetzte das Horn, und die Laterne wurde durch Taschenlampen oder Blitzlichter ausgetauscht. Dieser "wenig attraktive" Beruf hatte sich überlebt.

Helga Simon,
"die poetische Nachtwächterin",
freischaffende Künstlerin

Marienstraße 54a
32427 Minden
Tel.: 0571 / 23569
Fax: 0571 / 87338